Luftschutz


Luftschutz

Eine für mich erstaunliche Entdeckung bei den Recherchen zum Dritten Reich machte ich, als ich Zeitungsartikel aus der Zeit der Weimarer Republik fand, in denen über die Notwendigkeit des Luftschutzes berichtet wurde. Der Erste Weltkrieg war kaum zehn Jahre vorbei. Schon 1927 war mit diesen Kriegsvorbereitungen durch die Gründung des Deutschen Luftschutzbundes begonnen worden. Im Dezember 1931 war der Luftschutz Gegenstand einer Besprechung zwischen dem Braunschweigischen Ministerium des Innern, der Landespolizei und anderen Behörden, auch der Reichswehr, der Reichspost und der Reichsbahn. Die Unterredung diente in erster Linie der Festlegung von Richtlinien, nach denen der Ausbau des Luftschutzes in allernächsten Zeit begonnen werden sollte.

Im Oktober 1932 wies die Wolfenbütteler Zeitung bereits auf Luftschutzübungen in vielen Städten des Reiches hin und zitierte aus der Betrachtung eines Oberregierungsrates Bertheau zum durchaus schon aktuellen Thema: „Die Bombenlast, die ein Flugzeug tragen kann, beträgt bis zu 4000 Kilo und mehr; ein besonders großer Flugzeugtyp trage sogar Bomben im Gesamtgewicht von 8400 Kilo. Der Aktionsradius der Bombenflugzeuge betrage etwa 1000 Kilometer vom Flughafen aus; so daß praktisch kaum ein Ort Deutschlands sicher vor Luftangriffen sei.“

Erstaunlich, wie detailliert die Kenntnisse über diese Art der Bombenkriegsführung aus der Luft bereits waren, die im Ersten Weltkrieg lange nicht die Rolle gespielt hatte, die sie zehn Jahre später auf grausame Art erlangen würde. Bertheau erläuterte die Wichtigkeit des rechtzeitigen Erkennens der Gefahr von Luftangriffen und schilderte die Notwendigkeit von Warnzentralen “für den Bevölkerungsschutz in den Betrieben und den Schutz der Industrie und anderer Betriebe überhaupt.“ Wer nur könnte in dieser Zeit und später vorgehabt haben, Deutschland, das am Ende des Jahres 1932 weit davon entfernt war, mit einem europäischen Nachbarn einen Krieg zu entfachen, aus der Luft zu bombardieren?

Kritisch berichtete der Volksfreund am 25. November über Luftschutzmanöver, die auch in Braunschweig durchgeführt werden sollen und die in Erfurt zu Massendemonstrationen gleichgesinnter Menschen geführt hätten. Die Zeitung beantwortete die selbstgestellte Frage nach dem warum der Manöver: “Weil das arbeitende Volk aus dem furchtbaren Erleben während des Völkermordens die tief verankerte Überzeugung gewonnen hat, daß alle Kriegsrüstungen und alle mit dem Krieg irgendwie im Zusammenhang stehenden Manöver abgelehnt werden müssen, wenn nicht neue Kriegsgefahren heraufbeschworen werden sollen. Weil die breite Masse heute noch schwer unter den wirtschaftlichen Lasten des letzten Krieges zu tragen hat, weil sie Gut und Blut auf dem “Altar des Vaterlandes“ geopfert hat und nach dem Zusammenbruch 1918 erkennen mußte, daß diese Opfer nur zur höheren Ehre des Gottes Mammon gebracht worden waren, weil das deutsche Proletariat sich nicht in einem neuen Brudermord am internationalen Proletariat mibrauchen lassen will.“

Der einzig wirksame und erfolgreiche Luftschutz sei der konsquente und zielbewusste Kampf gegen jeden Krieg, gegen jede Kriegsgefahr und jede Kriegsrüstung. Der Volksfreund habe ausführlich über die Erfurter Manöver berichtet, um die Braunschweiger Bevölkerung auf die kommenden Luftschutz-Manöver aufmerksam zu machen.

Doch auch der sozialdemokratischen Zeitung muß bewusst gewesen sein, dass es im Reich immer noch die nationalbürgerliche Kaste gab, die gar nicht anders konnte/wollte als militärisch zu denken und im Geheimen hoffte, die Versailler Verträge nicht nur mit Verhandlungen, sondern vor allem mit soldatischen Heldenaten zu eliminieren. Aber auch die Sozialdemokraten waren vor einer Aufrüstungspolitik nicht gefeit: 1928 hatten sie vor der Reichstagswahl den Bau von Panzerkreuzern abgelehnt – nach der Wahl als Koalitionsmitglied der marinen Aufrüstung schließlich zugestimmt.

Eine Woche nach dem obigen Volksfreund-Artikel sollte das Luftschutzmanöver – Der Volksfreund: “Luftschutzklamauk“ – in Braunschweig auf dem Schützenplatz stattfinden. Ein dort errichtetes Dorf sollten Flieger mit Brandbomben anzünden. Mit Gas und Chlor, so der Volksfreund, “sollte dann die Gegend verstänkert werden, um damit die “Atmosphäre“ um den Luftschutz und die Luftschutzleute künstlich zu schaffen.“ Wegen erwarteten schlechten Wetters wurde die Veranstaltung abgesagt. Der Volksfreund, weil dann doch bestes Wetter herrschte, vermutete Zusammenhänge zwischen der vorausgegangenen kritischen Berichterstattung und der Absage. Die Zeitung setzte sich mit der Feindlage kritisch auseinander und berichtete, dass auch in Reims in Frankeich die Bevölkerung derartige Manöver verhindert hätten. Anstatt wie angeordnet “die Fenster zu verhängen, die Scheinwerfer der Autos abzublenden, die Beleuchtung der Schaufenster, Trams und Lichtreklamen sowie jede Straßenbeleuchtung einzustellen“ gaben die Kritiker Gegenanweisungen bekannt: “Alles beleuchten! Demonstriert auf den Straßen.“ So sehe also die Stimmung im feindlichen Ausland aus.

Drei Monate später stand der rasanten Entwicklung des Luftschutzes nichts mehr im Wege. Kritik war abgeschafft, der Volksfreund verboten, die Begeisterung für Hitler übertrug sich auf alles, was von den Nazis der Bevölkerung als wichtig vorgesetzt wurde. Am 20. Februar 1933 hielt Branddirektor Lehmann aus Braunschweig auf Veranlassung des Vaterländischen Vereins, des Hausfrauenvereins und der Freiwilligen Sanitätskolonne im Gemeindehause einen Vortrag über die“Gefahren des Luftkrieges“. Der Besuch war “außerordentlich“. Frau Raabe begrüßte die Anwesenden und wies auf den Ernst des Themas hin und betonte, “daß bei der mit vielem Konfliktstoff durchsetzten Zeit es nötig sei, sich mit dieser Frage zu beschäftigen.“ Gegen einen Luftangriff bliebe nur eine abwehrende Tätigkeit übrig, so Lehmann, da dem Land eine aktive Tätigkeit – also Krieg gegen den Feind ? (JK) – durch die Bestimmungen des Versailler Vertrages genommen sei. Erstaunlich die Details, über die er dann berichtete: Gasangriffe aus der Luft, Blaukreuz und Grünkreuz, Brech – und Tränenreize, tödliche Gefahren, Brandbomen, 200 Gramm schwere Baby-Brandgranaten und die Stadt in “Schutt und Asche“, usw.

Anfang März zitierte die WZ aus einer Luftschutzschrift ein Angst einjagendes Szenario, als stünde der Luftkrieg kurz bevor: “Deutschland ist umgeben von einem Ring ihm nicht günstig gesonnener Staaten. Große Flugzeuggeschwader, ausgerüstet mit den modernsten Waffen und stärksten Motoren sowie Giftgasbomben stehen jenen zur Verfügung. Auf ein einziges Signal hin können sich diese erheben und über den deutschen Städten ihr schauriges, menschenmordendes Werk verrichten.“ Gäbe es den Volksfreund noch, hätte dessen Redaktion vielleicht die Antwort auf die Frage “Warum all’ diese Vorbereitungen?“wiederholt, was bereits in dem Artikel vom November 1932 gestanden hatte: “Es dürfte sich höchstens die Wirtschaft nach einer Seite wieder etwas beleben.“ und neue Profite machen? Angstmachen war schon immer eine gute Geschäftsgrundlage.

Was sollte nun jeder tun?: “In jedem Hause wird zunächst ein Hauswart bestellt, der die Aufgabe hat, bei Luftgefahr und entsprechendem Alarm alle Einwohner in den Keller zu bringen. Gas- und Wasserleitungen werden abgestellt. Grümpel muß vom Dachboden verschwinden. Im Keller müssen Säge, Stemmeisen, Brechstange, Hammer, Nägel, Verbandszeug, Notbeleuchtung, Wannen, Löscheimer, Sand und einige Balken sowie Notabort vorhanden sein und für einen dichten Verschluß am Fenster usw. ist zu sorgen. Eine jede Straße bildet außerdem eine Feuerlöschgemeinschaft, deren Führer eine besonders bomben- und gasdichte Stelle einzurichten hat. Ferner soll nach und nach jeder Mensch mit einer Gasmaske, jedes Haus mit einem Gasschutzunterstand versehen werden.“

Nur zwei Tage später schon wieder Hinweise: “Selbstschutz im Luftschutz?“ Nun sollte mit dem “Aberglauben“ aufgeräumt werden, Luftschutz sei ausschließlich eine Sache des Staates: Die Erfordernis dieser selbst zu initierenden Maßnahmen habe das deutsche Volk noch nicht begriffen. Der Staat könne die Bevölkerung nur rechtzeitig warnen und gut ausgebildete Helfer zur Verfügung stellen. Dass der Staat alles tun könne, den Krieg zu verhindern, wurde nicht erwähnt. Hier in Wolfenbüttel sei es jetzt leicht, denn Branddirektor Lehmann werde schon bald einen weiteren Vortrag halten – diesmal zum Thema: “Gebäudeluftschutz und Gasdisziplin“. Um seinen Ausführungen den dramatischen Unterbau zu geben, wies er zu Beginn seines Vortrages auf die veränderte politische Lage hin, “die eine ernste Gefahr besonders für Königsberg und Danzig insich schlossen, die aber auch das Bestreben rechtfertigten, die Fragen des Luftschutzes in weiten Kreisen zu erörtern“. Er informierte über den Bau von Schutzräumen in Häusern und im Freien und klärte über das Verhalten auf der Straße auf – bei einem plötzlich einsetzenden Luftangriff: “Vor allem heiße es da, die Neugier zu zügeln, schnellstens geschützte Räume aufzusuchen und, wie man auch in der Wohnung sich nicht ans Fenster stelle, hinter Pfeiler usw. zu treten. Schließlich zeigte der Vortragende noch, wie man für Pferde, Hunde, Tauben usw. vorgesorgt habe, daß diese nicht giftigen Gasen zum Opfer fielen.“

Nur eine Woche später ein weiterer WZ-Artikel: “Eine Luftfahrt- und Luftschutz-Ausstellung in Wolfenbüttel geplant.“ Aufbauend auf die bereits zitierten Vorträge solle nun intensiver für den Luftschutz geworben werden. Im Kaffeehaus trafen sich Verantwortliche mit dem Wolfenbütteler Studienrat Meyer, seine Zeichens Vorsitzender des Wolfenbütteler “Vereins zur Förderung der Luftfahrt“. Er gab eine Fülle von Anregungen zu dieser Schau, “die, Fliegerei und Luftschutz kombinieren, einen umfassenden Überblick über das gesamte heutige Luftfahrtwesen geben soll. Der Referent rechnet auf die aktive Anteilnahme von NSDAP, Stahlhelm, Kriegerverein, Feuerwehr, Sanitätskolonnen usw. Auch für die Schulen müsse ein Besuch der Ausstellung zur Pflicht gemacht werden; gedacht ist gleichzeitig an einen Modell-Wettbewerb für Kinder und Jugendliche. Einschlägige Vorträge, Filme, Luftschutzübung, Motorflugzeug- und Selgelflug-Vorführungen sind geplant.“

Stadtdirektor Pini erläuterte den Stand des Luftschutzwesens in der Stadt: “Vor einiger Zeit seien hier ein Luftschutzausschuß und ein Luftschutzbeirat ins Leben gerufen. Zwecks Flugmeldedienstes seien acht Hauptstellen mit je vier, fünf Nebenstellen vorgesehen. Für die Anschaffung von Gasmasken (100 für die Staft, 50 für Feuerwehr, 30 für Sanitätskolonne, 20 für Polizei) habe der Staatsbeauftragte zunächst 300 RM bewilligt. Ungelöst sei noch die Frage der Gaschutzräume. Das Stadtbauamt habe dafür einen Entwurf ausgearbeitet, dessen Gesamtkosten allerdings 7800 RM betragen.“

Seitdem die neue Regierung im Amte sei, so Meyer, habe der Luftschutzgedanke einen gewaltigen Antrieb erhalten, “sodaß man ihn heute eine nationale Angelegenheit nennen könne“. Einige Stadt-Prominente sagten ihre Unterstützung zu: Hans Barnewitz, (Stahlhelm),Studienrat Grimme (Rotes Kreuz), Stadtrat Hämerling (Notgemeinschaft), Obersekretär Hannibal (SA), Versorgungsmeister Krey (Militärvereine), Schriftleiter Meyer-Rotermund (Presse), und Medizinalrat Dr. Osten (Sanitätskolonne).

Zwei Wochen später hielt Kreisbrandmeister Schucht nach einem Luftschutz-Vortrag vor Beamten der Landjägerei nun ein Referat bei den Bezirksmännern des Luftschutzes. Seine Ausführungen stützte er dabei “auf das, was er im Felde als Führer einer Pionierkompagnie und als Führer der Feuerwehr bei vielen Kursen erfahren hatte“. Die Gefahr von Gas-Luftangriffen schätzte er als äußerst gering ein: “Alle Meldungen im Kriege über Flieger-Gasangriffe seien Falschmeldungen gewesen. Nie habe eine der kriegführenden Mächte Flieger-Gasbomben benutzt. Möglich sei in Zukunft allerdings, dass es zum gemeinsamen Abwurf von Gas- und Brandbomben kommen könne, um die Brandbekämpfung zu stören.“ Dafür gelte es Vorsorge zu treffen. Besonders schlimme Wirkung habe die Thermit- und Elektrobombe. Wegen ihres geringen Gewichts von 1000 Gramm könne ein Flugzeug 500 Stück mit sich führen: “Die Thermitfüllung (eine Magnesialegierung) entwickelt über 3000 Grad Hitze. Die Elektronhülle brennt mit. Diese glühende Waffe frisst sich sogar in Stahl ein. Wasser vergrößert nur die Brandwirkung. Löschmittel gegen Elektronbomben sind noch nicht erfunden. Die Brisanz- und Brandwirkung wird auch die Straßen erfassen. Aus den in den Straßen liegenden Gasröhren werden haushohe Flammen schlagen. Panikstimmung wird die Bevölkerung ergreifen. In dieses Durcheinander würde dann der Feind seine Gasgeschwader werfen, um die Bevölkerung vollends um den Rest ihres Haltes bringen.“ Als Löschmittel empfahl Schucht: “… trockener Sand, Eisenfeil- oder Graugusßspäne, wasserfreier Karnalit, Steinmehl, Kieselguhr.“
Die Feuerwehr sei die berufenste Stelle für die Rettung von Personen und Tieren. Die Hausbewohner müssten sich zunächst selbst schützen: “Zu diesem Zweck sei Löschmaterial: Sand, Schaufeln, Handfeuerlöscher, Feuereimer bereit zu halten und die Aufstellung einer Hausfeuerwehr aus den Hausinsassen heranzubilden.“

Den Luftkrieg, der dann zehn Jahre später Wirklichkeit wurde, nahmen zwei im August und im November groß aufgemachte und mit dramatischen Zeichnungen von angreifenden Flugzeugen und auf Industriebauten fallenden Bomben vorweg. Die realistischen Beschreibungen der Einbeziehung der Zivilbevölkerung in den Krieg prognostizierte die Verlegung der Kampffronten in praktisch jede Stadt Europas. Das spanische Guernica, am 26. April 1937 durch deutsche Flugzeuge der “Legion Condor“ bombardiert und zerstört, erlitt das, worüber die Wolfenbütteler Zeitungsleser bereits 1933 unterrichtet wurden. Dieser Angriff der NS-Luftwaffe auf ein ziviles Flächenziel war der erste Auslandseinsatz und ein eine unbekannte Zahl von Menschen vernichtender Luftangriff. Dass später auch Wolfenbüttel unter Luftangriffen zu leiden hatte, wird an anderer Stelle berichtet. Die Realität der o.g. Beschreibungen wurden durch Hinweise an gleicher Stelle wie diese – bei Strom und Gasausfall – lächerlich gemacht: “… in jede Wohnung ein Kohlenherd mit einem genügenden Vorrat von Braunkohlenbriketts im Keller, die sich leicht stapeln lassen und wenig Raum wegnehmen; in jeden Haushalt ein genügender Vorrat an Kerzen, die alte Petroleumlampe komme wieder zu Ehren und werde gebrauchsfertig gehalten; Azetylenlampen schaffe an, wer sie leiden mag. Für jeden Häuserblock werde auch ein Brunnen angelegt, der die Wasserversorgung sicher stellt.“

Da es mit der Organisation des Luftschutzes offenbar noch nicht wie erhofft vorangegangen war, veröffentlichte die WZ Ende August einen Aufruf des Reichsluftschutzbundes, der in Wolfenbüttel durch Otto Kraiger vertreten wurde: “In jedem Ort muß sich ein deutscher Mann finden, der mit einigen verantwortungsbewussten Vaterlandsfreunden die Gründung der Ortsgruppe in die Wege leitet, zu seiner eigenen Sicherheit, zum Wohle seines Gemeinwesens, zum Segen für das ganze deutsche Vaterland.“

Nur zwei Wochen später traten Wolfenbütteler Luftschutzorganisatoren – Kreisbranddirektor Schucht, Otto Kraiger und Mittelschullehrer Oppe – mit der rethorischen Frage “Warum denn Luftschutz auch in Klein Kleckersdorf?“ an die Öffentlichkeit und bereicherten die Sammlung von Wolfenbütteler Spitznamen wie z.B. “Krähwinkel“ mit einem neuen Begriff. Sie veröffentlichten ein fiktives Gespräch mit einem Gemeindevorsteher, der mit der Absicht der Gründung einer Luftschutz-Ortsgruppe konfrontiert wurde. Seine anfängliche Skepsis änderte sich nach und nach durch die ihm vorgetragenen Argumente, die hier bereits in mehrfach genannt wurden, in die Aussage: “Tatsächlich, wenn man über das alles richtig nachdenkt, kann ich nur zu der Überzeugung kommen, daß auch ich als verantwortlicher Hüter meiner Gemeinde die vaterländische Pflicht habe, Luftschutzmaßnahmen vorzubereiten. Ich trete also sofort dem Reichsluftschutzbund bei, werde hier eine Ortsgruppe gründen und versuchen, die gesamte Bevölkerung darin zu vereinigen. Den Mindestbeitrag von nur 3 RM wird jeder im Interesse seiner eigenen Sicherheit gern aufbringen.“

Es vergingen nur weitere zwei Wochen bis zu einer Veranstaltung der Wolfenbütteler Ortsgruppe in Leistes Festsälen. In Anwesenheit des Kreisdirektors Hinkel und Bürgermeisters Ramien machte Kaufmann Otto Kraiger deutlich, wo die Gefahr für die deutsche friedliche Bevölkerung lauerte: “Innerhalb einer halben Stunde könnten polnische und tschechoslowakische Flieger über Berlin sein und nach drei Stunden hätten auch belgische und französische Flieger Deutschland überquert.“ Nach den üblichen Ausführungen über die Bombenarten und den angeblichen Schutmaßnahme dagegen, usw., kündigte Kraiger weitere Ereignisse an – die kürzlich groß angekündigte Luftschutzschau war offenbar nicht zustande gekommen: “Vom 1. Oktober ab wird in allen Schulungsabenden der NSDAP über Luftschutz gesprochen werden. Vom 16. – 19. Oktober werden in den Deutschen Lichtspielen sowohl als auch in den Weltspielen Filmvorträge stattfinden. Auch eine Luftschutzübung wie die letzte in Braunschweig soll in Wolfenbüttel vor sich gehen.“ Mit einem Sieg-Heil auf Hitler und den Luftfahrminister Göring, der später ankündigte, sich Meyer nennen zu wollen, sollte auch nur ein feindliches Flugzeug Deutschland bombardieren, wurde er Abend geschlossen.

Die WZ richtete ein paar Tage später ihren Blick in die Nachbarstaaten und informierte über deren Luftschutzmaßnahmen. Illustriert war der Beitrag mit dem Foto eines Pferdes, das eine Gasmaske trug. Am besten ausgerüstet seien die Italiener, die sogar eine besondere Luftschutzmiliz hätten. In Frankreich werde die Luftschutzgefahr mit dem Hinweis auf die “deutsche Luftgefahr“ (Paris wurde erstmalig im März 1915 bombardiert) propagiert – und während des Weltkrieges habe man z.B., um die Feinde irre zu leiten, an den oberen Ufern der Seine ein Paris “vorgetäuscht“. England, dessen Hauptstadt London bereits 1916 von deutschen Flugzeugen bombardiert worden war, betreibe den Luftschutz als “Volkssport“ und veranstalte Manöver und Alarmübungen. In Russland informiere man auch die Bauern, und diese Propaganda, so die WZ, werde mit einer Agitation gegen die Luftrüstungen Japans, Amerikas und der europäischen Militärstaaten verbunden. Im Gegensatz dazu weise die polnische Luftschutzliga hauptsächlich auf die deutsche Gefahr hin, weniger auf die deutschen Flugzeuge als auf die deutsche chemische Industrie. Das habe zur Ausrüstung weiter polnischer Kreise mit Gasmasken geführt.

Im Oktober konnten die Wolfenbütteler erstmalig einen Luftschutzkeller besichtigen. Er war unter der Verkaufsstelle des städtischen Betriebswerkes in der Goslarschen Straße gebaut worden. Er bestünde aus einer Neben- und Hauptschleuse, “ bietet für 25 Personen bequemen Aufenthalt, enthält Wasserleitung, eine Be- und Entlüftungsanlage, Beleuchtung, Sitzgelegenheiten, Verbandskästen sowie Hausapotheke, Fernsprecher und Werkzeug für etwaiges Freilegen des Ausganges bei Verschüttungen. In der Nebenschleuse befinden sich ein Abort und die Vorratsräume für Sandsäcke und dergl. Der Raum ist gegen Einsturzgefahr gesichert so gut wie es nur möglich war.“ Weitere deratige Räume sollten im Archiv und im Schloß erstehen.

Die Einwohnerschaft hat sich lebhaft an der Besichtigung beteiligt. Otto Kraiger erläuterte bei dieser Gelegenheit, dass das Nationalsozialistischen Kraftfahrer-Korp (NSKK) und der SA-Motorsturm im Falle eines Luftangriffes die Aufgabe der Alarmierung der Bevölkerung habe: “Bei der Meldung “Luftangriff – Fliegeralarm“ würden diese beiden Formationen ausgerüstet mit großen Plakaten “Fliegeralarm“ und so das Sirenengeheul und Glockengeläut zur Alarmierung der Bevölkerung unserer Stadt durch Befahren aller Straßen mit diesem Aufruf sehr wichtig unterstützen.“

In dem Buch “Die Geschichte der Stadt Wolfenbüttel 1933 – 1945“ behauptet Autor Frank Baier, “der kontinuierliche Ausbau des zivilen Luftschutzes in Wolfenbüttel war eine der vordringlichsten Aufgaben der Nationalsozialisten seit Kriegsbeginn.“ Baier scheint auch zu diesem Thema – wie zu anderen Themen in dem Buch – kaum, oberflächlich oder nur bruchstückhaft recherchiert zu haben. Die obigen Darstellungen widerlegen seine Behauptungen.

Intensiv wurde die Vorbereitung des Luftschutzes weitergeführt. Mir liegen 14 Artikel allein aus der WZ zu dem Thema aus dem Jahr 1934 vor, auch in den Folgejahren ist es ähnlich. (Am 26. Juni 1935 wurde z.B. ein Luftschutzgesetz erlassen.) Die öffentlichen Vorträge liefen weiter ebenso wie Schutzmaßnahmen: Im März 1934 propagierte Kreisobmann Otto Kraiger konkrete Maßnahmen: Entrümpelung der Dachböden, Imprägnierung der hölzernen Bauteile, Wasserleitungen bis ins Dachgeschoß, Bereitstellung der Brandbekämpfungsmaterialien, Bereithaltung von Holzbalken zum Abstützen der Kellergeschosse, Notbeleuchtungen und nicht zuletzt Literatur zum Luftschutz. (In einem 1933 erschienenen Lehrbuch zur Hilfeleistung bei Unglücksfällen wird im Anhang ein “Merkbüchlein für Nothelfer bei Gasalarm“ vorgestellt: “Gas Alarm!, Gasschutz…Gashilfe gegen Giftgase!“) Ab Ende April sollten die Hauswirte kontrolliert werden, ob sie auch wirklich tätig geworden waren.

Zum Abschluß dieses Themas noch ein WZ-Artikel aus dem September 1934, in dem Mittelschullehrer Oppe die Schuljugend über den Luftschutz aufklärte. Seine Ausführungen leitete er mit einem Zitat von Göring über eisernen Willen zur Selbsterhaltung ein, mit dem den Luftgefahren getrotzt werden könne. Bis er schließlich zum Thema Luftschutz konkret durchbrach, rechnete er langatmig mit Volksfeinden ab. Diese Ausführungen, die er offenbar nutzte, sein Weltbild darzustellen, sollen hier recht ausführlich zitiert werden, da sie den Geist eines bekannten Wolfenbütteler Lehrers dokumentieren, der erheblichen Einfluß auf die Schülerschaft hatte: “Wir wissen, fühlen und erkennen, daß wir in der Geburtsstunde einer neuen Weltanschauung stehen. Solche Zeiten sind Zeiten des Kampfes, des frischen unbeugsamen und heldischen Lebens. Es heißt, sich mit alten, geheiligten Formen, Gebräuchen und Überlieferungen auseinander zu setzen. Als Nationalsozialisten verlangen wir nicht nur die Einbeziehung eines Teilgebietes unserer Kultur, nein, es gilt Klarheit zu schaffen an dem Gesamtgebiete unseres kulturellen Lebens. Wir fühlen und wissen es, daß alte Ideale in unserer Stadt erstorben sind. Sie konnten sterben und vergehen, weil sie nicht deutscher Art, weil sie nicht germanischen Blutes waren. Allgemeine, internationale Menschlichkeit ist niemals germanisches Kampfziel gewesen. Und niemals war syrisch-palästinisches Ideal das Streben germanischer Tatkraft, gleich wie das liebe Ich niemals hoch bewertet wurde bei den germanischen Stämmen, die die Gastfreundschaft als ideellen Faktor schätzten. Heute ahnen wir, daß uns alles das keine absoluten Werte sind. Unsere blutliche und rassische Gestaltung lässt uns klar und deutlich erfühlen, daß uns andere Werte heilig sind, und nur dort, wo Ideen gezeitigt und Taten geschaffen werden durch die Gesetze des Blutes, da werden wirkliche Werte geschaffen. Wehe aber den Völkern, die sich gegen die Gesetze ihres Blutes vergehen! Dann würde sich der “Untergang des Abendlandes“ verwirklichen, den Oswald Spengler als schicksalhaft vorausgesagt hat. Doch wir glauben nicht an jenen schicksalhaften Untergang von Völkern. Nur ein willenloses, schwaches, von den Banden des Blutes gelöstets Volk, geht dem Untergang entgegen. Germanische Rassen, deutsche Rasse, trotzen dem Schicksal und kämpfen! Und der Kampf ist das eigentliche Lebenselement des deutschen Menschen. Nicht die Erreichung des Kampfzieles ist ihm das höchste Ideal, sondern der Kampfweg, der Kampf selbst als etwas Lebendiges, als Streben, als Tat. Und so wie in jener edlen gotischen Baukunst das ewige Aufwärtsstreben der germanischen Seele durch die himmelanstrebenden Türme und Spitzbogen symbolhaft zum Ausdruck gebracht wird, so wird die deutsche Seele sich nun selbst, und damit ihren Gott finden im steten Kampf, in der Tat, in der Auseinandersetzung zwischen Blut und Blut. Und die Rasse in ihrem blutlichen Kampfe für Ehre und Freiheit ist für uns deutsche Menschen höchster, absoluter Wert.“

Sich dann auf Hitlers “Mein Kampf“ berufend erklärte er den Luftschutz als Erziehungsfaktor für die deutsche Jugend, in “den Rahmen der Erziehung zur Wehrkraft und Wehrwillen“. Konkret beschrieb er die Aufgaben der Schuljugend: “In den einzelnen Luftschutzbezirken der Städte dienen die Schüler bei der Meldung eines Luftangriffes als Warn- und Läufertrupps. Auf Fahrrädern durchfahren sie, ausgerüstet mit Gasmasken, Signallampen, Hupen die Stadt, um die Bevölkerung vor Luftangriffen zu warnen. Eine wichtige Aufgabe erwachse der Schule dadurch, die Schüler im Gebrauch der Gasmasken ausbilden zu müssen. Hierbei ergeben sich allerdings noch immer gewisse Schwierigkeiten durch die notwendige Anschaffung der noch zu teuren Gasmasken. Aber der Opfersinn mancher Schulklasse wußte auch hier Rat zu schaffen. Wenn nicht gleich viele, so kann durch geschickte Sammlung wenigstens erst einmal eine Gasmaske für die Klasse angeschafft werden, um damit die notwendigen Übungen vorzunehmen.“ Was muß in diesem “Pädagogen“ vorgegangen sein, seinen fanatisierten Übermut in solchen und folgenden abnormen Vorstellungen auch Kindern und Jugendlichen aufzwingen zu wollen? Im Deutschunterricht sollten die Schüler Aufsätze oder Dikate über Luftschutz schreiben, im Physikunterricht die Arten und Wirkungen der einzelnen Giftgase besprechen: “Wenn der Zeichenlehrer ein Flugzeug skizzieren, Bomben verschiedenster Art zeichnerisch oder in Papparbeiten darstellen lässt, so ist der Eifer für diese Arbeit groß. Wird der mathematische Unterricht einmal mit der Berechnung der Geschindigkeit einer abgeworfenen Bombe gewürzt, so wird bestimmt so lange geknobelt, bis der Wurf im Schwarzen sitzt.“ Der Erdkundelehrer könne schildern, “wie unendlich schnell feindliche Flieger die wichtigen Industriegebiete mit vernichtenden Sprengbomben belegen“ könnten. Nun würden sich die Fäuste der “mutigen“ Jugendlichen ballen und sich ihr starker Wille entwickeln, dahin zu streben, “die Gleichberechtigung Deutschlands zu fordern“.

Ein Überbleibsel des Luftschutzes in Wolfenbüttel ist der Bunker unter dem grünen Hügel hinter der Trinitatiskirche, heutzutage nur noch als grüne Insel auf dem Landeshuter Platz zu erkennen.

Empfehlung:
Ludewig, Hans-Ulrich, Braunschweig im Bombenkrieg. Versuch einer historischen Einordnung., in: Wissenschaftliche Zeitschrift des Braunschweigischen Landesmusuems, 4/1997, Seite 153 – 170

Quellen:
Baier, Frank, Die Geschichte der Stadt Wolfenbüttel 1933 bis 1945, Zeitzeugen – Fotos – Dokumente, Wolfenbüttel 2003