"Die Hitlerdiktatur ist zwar militärisch, aber nie ideologisch besiegt worden." (Ralph Giordano am 19.3.1997 in Braunschweig)

Spurensuche, warum?

Ein neuer Wolfenbütteler Stadtteil, dessen Straßen Namen von verdienten und berühmten Männern aus der jüdischen Geschichte der Lessingstadt tragen sollten!

Durch Gotthold Ephraim Lessing, der in Wolfenbüttel das weltberühmte Theaterstück „Nathan der Weise“ geschrieben hat und durch Lessings Freundschaft mit Moses Mendelssohn, der Wolfenbüttel besucht hat, durch die berühmte Herzog August Bibliothek und vor allem auch durch die bedeutende jüdische Samson-Schule ist Wolfenbüttel eng mit der jüdischen Geschichte Deutschlands verbunden.

Die Stadt Wolfenbüttel wirbt für sich als die Stadt Lessings und sieht in dessen „Toleranzgedanken“ eine Grundlage der Stadtgesellschaft. Sicher werden manchmal die verbal geäußerten Absichten nicht eingehalten und bisweilen werden Lessings Grundsätze in der lokalen Politik und im Stadtmarketing ad absurdum geführt: Der aktuelle Marketingspruch heißt deswegen eben „echt lessig“. Diesen tagespolitischen Ausreißern mit Verballhornungen wie dieser „echt lesstig“ könnte nun durch eine mutige Entscheidung mit beinahe Jahrhundertbedeutung die Wirkung genommen werden: Ein neuer Stadtteil erhält Straßennamen aus der jüdisch geprägten Stadtgeschichte!

Mit diesem Text wird in Wolfenbüttel für die Verwirklichung des gerade genannten Vorschlages geworben:

Sehr geehrte Damen und Herren, nach vielen öffentlichen Diskussionen um die Gründung eines neuen Stadtviertels am östlichen Stadtrand neben dem Södeweg kann man davon ausgehen, dass diese Siedlung mit vielen Straßen in den nächsten zwei bis drei Jahren realisiert werden wird. Die neuen Straßen brauchen neue Namen. Der Jahrzehnte alten Wolfenbütteler Tradition folgend, neue Viertel mit thematisch zusammenhängenden Straßennamen zu gestalten (Dichterviertel, Komponistenviertel, Blumenviertel, usw.) schlagen wir dem Rat der Stadt Wolfenbüttel nun vor, die Straßen des neuen Stadteils nördlich der Ahlumerstraße mit den Namen von bekannten und zum Teil berühmten jüdischen Einwohnern der Stadt seit dem 18. Jahrhundert zu benennen. Das wäre eine bedeutende Form der Erinnerung für die Lessingstadt, die sicher weltweit Beachtung finden wird.

Unter dem Menüpunkt „Jüdische Wolfenbütteler“ und unter „Dateien zum Thema“ finden Sie den Brief an die Fraktionen des Stadtrates und an den Bürgermeister mit der Bitte um Beratung und Entscheidung.

Wir bitten Sie, die Sie diesen Text lesen, herzlich darum, unsere Anregung zu unterstützen. Schreiben Sie an den Rat der Stadt oder dem Bürgermeister, wenn Sie unseren Vorschlag unterstützen wollen. Hier die Adresse: Stadt Wolfenbüttel, Bürgermeister Thomas Pink, Stadtmarkt 3-6, 38302 Wolfenbüttel, Email: stadt@wolfenbuettel.de

Bitte schicken Sie mir dann eine Kopie Ihres Schreibens: JKumlehn@t-online.de

Vielen Dank für Ihre Unterstützung,
Jürgen Kumlehn
Erinnerer
Platanenstraße 24 D-38302 Wolfenbüttel

Dr. Kristlieb Adloff
Wolfenbüttel


Schnelle Ablehnung!

Nur knapp vier Wochen nach Empfang des Vorschlags haben alle Fraktionen des Rates einstimmig beschlossen, diese Idee nicht umzusetzen. Es gibt im gesamten Stadtrat der Lessingstadt also nicht einen einzigen Abgeordneten, der den Vorschlag als umsetzbar empfindet oder bereit gewesen wäre, ohne Zeitdruck darüber zu diskutieren. Ein erstaunliches Ergebnis für eine "Lessingstadt". Eigentlich wäre noch ein Jahr lang oder länger Zeit gewesen, diesen Vorschlag zu bedenken. Warum hat der Rat dieses nicht wahrgenommen? Es gab seitens des Rates und der Verwaltung auch kein Bedürfnis, mit uns darüber zu reden. Kurz und bündig also: Sowas will die Lessingstadt nicht!
Diese schnelle Ablehnung hindert uns aber nicht daran, den Vorschlag auch weiterhin aufrecht zu erhalten. Zu gegebener Zeit erhalten die Ratsmitglieder die Sammlung der aus aller Welt eingetroffenen positiven Stellungnahmen - vor allem auch von Nachkommen einstiger jüdischer Wolfenbütteler Familien.
Lesen Sie die Stellungnahmen der Fraktionen Linke/Piraten, SPD, CDU, Grüne, FDP und AfD unter dem Menüpunkt "Jüdische Wolfenbütteler" - Dateien zum Thema.


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Joachim Esberg
"Nun wisst ihr was soll es bedeuten"

Gedichte und Briefe vor Auschwitz

Ein neues Buch mit nach mehr als 70 Jahren aufgefundenen Gedichten.

Anne Franks Tagebuch ist ein historisches Dokument aus der Zeit der mörderischen Verfolgung und Ermordung von Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus, dessen deutsches „Drittes“ Reich“ fast ganz Europa mit dem Vorhaben der Ausrottung der Menschen überzog, die Adolf Hitler als Ungeziefer, als Untermenschen und als unwertes Leben eingestuft hatte. Ein überwältigender Teil des Deutschen Volkes übernahm jubelnd und zustimmend diese Attribute und half engagiert und brutal, die Massenmorde auszuführen.

Viele verfolgte Deutsche verließen das Land, um in beinahe allen Erteilen der Welt Sicherheit vor den potentiellen Mördern zu finden. Anne Frank flüchtete mit ihrer Familie nach Holland und wurde durch die Deutsche Wehrmacht eingeholt. Das Versteck der Familie wurde verraten. Es folgte die Deportation in Konzentrationslager. Im Versteck in Amsterdam schrieb Anne Frank ein Tagebuch, das nach der Befreiung von den Deutschen, die Nationalsozialisten waren oder ihnen geholfen hatten, gefunden wurde.

Ein ähnliches Schicksal hatte Joachim Esberg aus Wolfenbüttel. Im August 1933 flüchtete er im Alter von 17 Jahren nach Gent in Belgien. Nach dem Abitur studierte er Germanistik in der Universität Gent. Während dieser Zeit schrieb er 50 Gedichte in eine Kladde und Briefe an seine nach London geflüchtete Freundin. Kurz bevor die Deutsche Wehrmacht Belgien überfiel und besetzte, ordnete die belgische Regierung die Deportation von deutschen Juden in Lager in der Nähe der Pyrenäen an. Gemeinsam mit seinem Vater und seinem Cousin mussten die nun in diesen Lagern ihr Leben fristen. Joachim Esbergs Vater gelang die Flucht aus den Lagern, wurde von Franzosen versteckt und konnte daher überleben. Joachim Esberg und sein Cousin wurden nach der Besetzung Frankreichs durch die Wehrmacht schließlich nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Joachim wurde in Birkenau umgebracht, sein Cousin überlebte das Konzentrationslager Buchenwald nicht.

70 Jahre später fand ein in Leipzig lebender Cousin in Gent die Kladde mit den 50 Gedichten und übergab das Dokument der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel. Ein Herausgeberteam - Kristlieb Adloff, Reinhard Försterling, Jürgen Kumlehn - veröffentlichten die Gedichte mit den Briefen und weiteren Texten im Oktober 2013 im Braunschweiger Verlag Appelhans.

Martin Jasper schrieb in der Braunschweiger Zeitung über das Buch:
Gedichte, die getränkt sind von der Bitterkeit des jüdischen Verstoßenseins. Zornig aufbegehrend, schwarz verzweifelnd, fatalistisch sich fügend. Nicht makellos, doch von unmittelbarer Intensität des Schmerzes. Und oftmals von einer Wortmächtigkeit, einer Rhythmik, welche die Schulung an der deutschen Klassik und Romantik verraten. Man kann die Wirkung dieser Gedichte nicht besser beschreiben als der Journalist Wolfgang Büscher, dessen Aufsatz, ursprünglich im Zeit-Magazin erschienen, in dem Buch abgedruckt ist. Er schreibt: „Sie wirken intravenös Wer ein Herz im Leib hat, kann sie nicht lesen, ohne geschüttelt zu werden. Diese Stimme, sie flüstert und schreit, sie betet und klingt so nahe, als läge nur eine papierdünne Wand zwischen der Genter Studentenkammer am Vorabend der Hölle, in der er dies Verse schrieb, und unserem Hier und jetzt."

Die Gedichte erzählen davon, wie das ist, wenn Menschen das Menschsein abgesprochen wird, wenn auch die Gefahr dort wächst, wohin man geflohen ist. Die Gedichte sind nicht die einzigen Lebensspuren des Joachim Esberg. Sie werden ergänzt durch Briefe an seine Jugendfreundin aus Wolfenbütteler Tagen, die nach London fliehen konnte. Geschrieben hat er sie in Gent und in den Pyrenäenlagern.

Ach, ich vergaß ...!

Warum nur muss ich bettelnd flehen
Um etwas, das mein Eigentum?
Warum denn, saget mir, warum
Muss ich vor fremden Türen stehen?

Tat etwa ich, wie man nicht tut?
Bin ich nicht, was ihr alle seid:
Ein Mensch voll seiner Menschlichkeit?
Ach, ich vergaß – bin ja ein „Jud'!
1938

Das Buch ist in Buchhandlungen erhältlich oder
kann dort bestellt werden.
Es ist im Appelhans Verlag Braunschweig
erschienen und umfasst 159 Seiten.
ISBN 978-3-944939-13-1
Preis: 14,80 Euro
Bitte kaufen Sie es möglichst in einer Buchhandlung!

Einen ausführlichen Text über das Leben der Esbergs in Wolfenbüttel und an ihrem Fluchtort Gent in Belgien finden Sie unter dem Menüpunkt "Jüdische Wolfenbütteler" und unter "Dateien zum Thema.

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