KZ Alltag


Es folgt die Abschrift eines Originaldokuments

„Ich bin Georg Walter Adler geboren am 7. September 1913 in Leipzig. Ich bin Handelsvertreter von Beruf und Deutscher Nationalität.
Das Schandelah K.Z. wurde am 18. Mai 1944 herum gegründet als ein Aussenkommando von Neuengamme. Zu dieser Zeit bestand es nur aus einem Block, im Laufe der Zeit hat es sich vergroessert.
Ich wurde mit 26 anderen Haeftlingen nach Schandelah gebracht, es waren schon 125 Haeftlinge im Lager, sodass im Ganzen 152 Gefangene im Lager waren. Jeden Monat kamen Transporte von Neuengamme mit ungefaehr 100 bis 150 Mann an. Zum Ende des Krieges befanden sich in Schandelah ungefaehr 1000 Mann.
Das Lager Schandelah bestand aus Haeftlingen aller Nationalitaeten, die Mehrheit waren Franzosen, dann Russen und der Rest bestand aus Hollaender, Daenen, Polen, Griechen, Belgier und andere. Am Anfang war die Sterbeziffer im Lager sehr niedrig, aber spaeter war die Sterbeziffer ungefaehr 2 bis 3 pro Tag. Ich nehme an, dass waehrend der Zeit als ich in Schandelah war ungefaehr 150 bis 200 Mann starben. Der Grund der Sterbefaelle war hauptsaechlich schlechte Verpflegung, schlechte Unterbringung und Misshandlungen. Ungefaehr 600 sehr kranke Haeftlinge wurden nach Neuengamme geschickt und diese wurden von anderen 600 frischen Haeftlingen von Neuengamme aufgefüllt.
Am Anfang war Oberscharfuehrer Jauch der Lagerkommandant, nach 2 bis 3 Monaten kam Unterscharfuehrer Ebsen der dann Lagerkommandant wurde. Andere SS Maenner des Lagers die ich kenne sind: Unterscharfuehrer Truschel, der die Wachmannschaft unter sich hatte, Kuechenchef Arnold Jahn, der von der Wehrmacht kam und dann in der SS Rottenfuehrer wurde, Rottenfuehrer Paul Schenawa von der Hundestaffel, SS Mann Jacob Hamm, SS Mann Henning, SS Mann Misliwitz. Der Lageraelteste war Hermann Krefft, sein Nachfolger war Hans Spinnrad. Ich kenne auch Otto Klein der Blockaeltester und Kapo war. Die Unterkunft im Lager bestand aus 4 Baracken, 3 davon waren zur Unterbringung der Haeftlinge und die andere war ein Teil Revier und der andere Teil Handwerkerbaracke. Das ganze Lager wurde von elektrisch geladenem Stacheldraht umzaeunt. Die Unterhaltung in den Bloecken war sehr primitiv und die Anzahl der Gefangenen in jedem Block war zwischen 250 und 500 Mann. In meiner Baracke waren 17 Betten, dreistoeckig. Am Ende waren zeitweise 4 Mann in einem Bett. Jeder Gefangene erhielt 3 Decken und jedes Bett hatte einen Strohsack. Zum Schluss bekamen die Haeftlinge nur 2 Decken.
In jeder Huette waren 2 Oefen, diese konnten aber nur geheizt werden, wenn wir etwas Holz illegal vom Arbeitsplatz brachten. Offizell erhielten wir keinerlei Heizmaterial, sodass im Winter wir sehr frieren mussten. Wir schliefen in unseren Sachen, da es so kalt war.
Das Essen im Lager war sehr schlecht und wir erhielten das Folgende: Zum Fruehstueck um 6 Uhr gab es Kaffee eine Scheibe Brot im Gewicht von 100 Gramm. Um 10 Uhr bekamen wir nochmals 2 Scheiben Brot von 200 Gramm. Um 12 Uhr war Mittag und dann gab es Steckrueben, manchmal mit Kartoffeln meistens ohne, im ganzen 1/1/4 liter. Die Mittagszeit war so knapp, dass manchmal die Haeftlinge ihr Essen nicht restlos verzehren konnten und wieder zur Arbeit herausgejagt wurden. Unsere letzte Mahlzeit war um 6 Uhr, diese bestand aus 250 Gramm Brot, 10 Gramm bis 15 Gramm Margarine, und abwechselnd einmal Fischpaste, rote Beete oder Wurst. Verschiedentlich gab es auch Freibank Dosen Fleisch. Das war der Grund dass ich und noch andere Haeftlinge sich Typhus zuzogen.
Jeder Haeftling, der in das Lager kam, erhielt einen Loeffel, wenn dieser Loeffel brach oder verloren ging, gab es keinen Ersatz. Die Folge war dass 30 Mann 6 Messer unter sich teilen mussten. Auch Schuesseln waren knapp was zufolge hatte, dass wir in 2 Schichten haben essen muessen.
Die Arbeitsstunden am Anfang waren, Wecken 5 Uhr morgens, Fruehstueck 6 Uhr Arbeitsbeginn 6.30 Uhr, Mittag 12 Uhr, dann wieder Arbeit von 1 Uhr bis 6 oder 7 Uhr abends. Am Abend mussten wir noch im Lager arbeiten. Im Falle, dass Material am Abend ankam, dann mussten wir das abladen manchmal bis 11 Uhr nachts. Am Anfang arbeiteten 7 Tage in der Woche und spaeter gab man uns einen halben freien Tag. Auch die Arbeitsstunden wurden spaeter zu einem 8stuendigen Arbeitstag eingerichtet. Die Arbeit bestand darin, dass eine syntetische Oelanlage gebaut wurde. Die Arbeit war sehr schwer zumal keinerlei Behelfsmittel vorhanden waren. Zum Beispiel 6 Mann hatten einen Schienenstrang zu tragen, der 15 Meter lang war.
Unsere Kleidung bestand aus einer Hose, einer Jacke, Schuhen aus Holz und einer Muetze, die wir beim Abtransport von Neuengamme erhielten und solange tragen mussten, bis sie buchstaeblich vom Leibe fiel. Wir bekamen nur einmal unsere Unterwaesche getauscht und das war nachdem wir 7 Monate im Lager waren. Diese Unterwaesche war schmutzig und voller Laeuse. Es waren keine Moeglichkeiten vorhanden die Kleidung ausgebessert zu bekommen, eine Schneiderei war wohl im Lager die hat aber ausschließlich fuer die SS gearbeitet.
Ich schaetze, dass im ganzen ungefaehr 55 SS Maenner im Lager waren, am Schluss waren es ungefaehr 75. Tagsueber wurden die SS Leute zwecks Posten um das Lager gestellt aber sie gingen nicht mit den einzelnen Arbeitspartien raus. Einige Haeftlinge sagten mir, dass am Schluss 3 SS Leute auch bei der Arbeit waren und mit Stoecken die Haeftlinge schlugen.
Die Medikamente im Lager waren unzureichend und wurden trotz wiederholten Bittens bei der Firma Kalk und Zement Stein Werke Schandelah nur in geringen Mengen geliefert.
Im Lager gab es keinen qualifizierten Arzt und wir hatten nur Kapo Erich Napp der als Sanitaeter in Neuengamme 4 Jahre arbeitete bei uns als wie man sagen kann Arzt. Von Beruf war er Bauarbeiter. Ein Arzt aus dem Dorf Schandelah kam nur dann in das Lager wenn ein Totenschein ausgestellt werden musste. Das Revier hatte am Anfang 5 Betten und spaeter 60 Betten. Die Zustaende waren so schlecht, dass 2 Mann in einem Bett liegen mussten und manchmal sogar 3 Mann. Im Falle dass zu viele Kranke im Revier lagen wurde ein Transport zusammengestellt der nach Neuengamme ging. 80 % der Haeftlinge im Revier litten an Disebtry und hoechstens 10 bekamen Diaet. Es war mitunter notwendig Operationen durchzuführen, da kein qualifizierter Arzt da war, hatte Kapo Napp diese durchzuführen. Am Anfang wurden die Toten in Kisten und Einzelgraebern begraben. Spaeter wurden sie ohne Kisten und 3 – 4 zusammen begraben.
In den ersten 4 Monaten war keine richtige Wasserversorgung vorhanden, das Wasser wurde von einem Dorf gebracht in Behaeltern. Im Sommer hatten wir mitunter kein Wasser zum Waschen oder trinken. Eine Wasserleitung wurde fertiggestellt im September 1944 dann hatten die Haeftlinge Gelegenheit sich zu waschen und Wasser zum Trinken. Im Lager gab es ein Klosett das aus 10 Faessern bestand, welche in die Erde eingegraben wurden und nur 10 Mann konnten es auf einmal benutzen. Im Sommer stanken diese Faesser furchtbar.
Am Anfang wenn noch Oberscharfuehrer Jauch der Lagerkommandant war, hatten wir nur eine Baracke und 2 von diesen erwaehnten Faessern wurden in den Korridor der Baracke gestellt. Am Abend wurden alle Fenster und Tueren geschlossen und der Gestank den diese 2 Faesser verursachten war unertraeglich. Am Morgen sind diese Faesser uebergelaufen und der Dreck auf der Erde.
Zu Beginn des Lagers gab es keine Laeuse im Lager aber spaeter gab es mehr Lause als Haeftlinge. Es wurde nichts zur Entlausung unternommen von seiten der Lagerfuehrung, wir Haeftlinge haben uns untereinander geholfen. Einmal im Monat bekamen wir ein Stueck Tonseife, das war nicht ausreichend im Monate einmal den Koerper gruendlich zu waschen.
Im Lager gabe es keinerlei Unterhaltung, einmal im Monat durften wir eine Postkarte schreiben. Diese Verguetung wurde von Russen und Franzosen nicht genossen.
Am 10. April 1945 verliessen wir das Lager Schandelah und begaben uns nach dem Bahnhof Schandelah. Dort waren 35 Waggons bereitgestellt auf welche wir verladen wurden. Von da aus ging es ueber Helmstedt, Magdeburg, Stendal, Wittenberge nach Ludwigslust in das Lager Woebbelin. Waehrend des Transportes mussten Haeftlinge welche frueher in der Kueche taetig waren für die SS die Verpflegung bereiten. Bei einer Gelegenheit sind 4 Russen und 2 Franzosen aus dem Waggon geflüchtet. Als man dieses bemerkte, kam der Kommandofuehrer Truschel mit den Worten: „Ich hole ein M.G. und schiesse euch Hunde alle zusammen.“ Nach diesem Zwischenfall wurde dieser Waggon der Haeftlinge durch andere Haeftlinge ausgetauscht. In den Waggons wo die Kranken lagen, war so ein Gestank, dass mancher Haeftling durch Nahrungsmangel und Qualen auf dem Transport verschied.
Die Leichen wurden bei passender Gelegenheit wenn der Zug auf freier Strecke hielt begraben. Dieses geschah zwischen Magdeburg und Wittenberge. Im Durchschnitt befanden sich 80 Haeftlinge in einem Waggon.
In Woebbelin angekommen mussten wir 4 Tage noch in den Waggons verbleiben, dann erst wurden wir in das Lager welches noch nicht vollstaendig errichtet war untergebracht. Der groesste Teil der Haeftlinge besass weder Decken noch Essgeschirr. Es waren keine Betten vorhanden, sodass mancher Haeftling auf blankem Sand oder Zementboden liegen musste. Die ersten 3 Tage gab es im Lager ueberhaupt kein Wasser, spaeter wurde fuer das gesamte Lager eine einzige Handpumpe errichtet. Die Verpflegung war sehr schlecht, zumal die Kueche erst eingerichtet werden musste und Brot nur soviel vorhanden war, was das Lager von Schandelah mit zur Evakuierung mitgenommen hatte. Ein Revier gab es ueberhaupt nicht, sondern die Haeftlinge welche von anderen Lagern gekommen waren und als Haeftlingsaerzte Pfleger oder Revierkapos taetig waren, haben aus den primitivsten Gegenstaenden eine Baracke als Revier aufgebaut. Die Zustaende im Lager waren so schlecht, dass in 3 Tagen 600 Tote zu verzeichnen waren. Die SS von Schandelah wurde von Woebbelin nach Neuengamme verschickt. Am 1. Mai wurden wir das gesamte Lager verladen mit der Vermutung uns nach Neustadt in Holstein verladen zu werden. Am 2. Mai wurden wir morgens in das Lager zurueckgebracht und eine halbe Stunde spaeter kam ein Befehl, dass alle Kapos sowie Lageraelteste und Blockaelteste sich beim Tor zu melden haben. Dort wurden sie zusammengestellt wobei sich auch Russen, Polen, Franzosen und Hollaender darunter begaben, worauf wir das Haeftlingslager verliessen um nach dem SS Lager gebracht zu werden. Dort wurden von ca. 150 Haeftlingen 25 ausgesucht und von der SS mit einem Karabiner ausgeruestet, worauf sie zurueck nach dem Haeftlingslager gebracht wurden um dort die SS Posten abzuloesen welche dann mit uns auf Flucht gingen. Im Dorfe Woebbelin erhielten wir unsere Freiheit.
(…)
Weiter über das Lager Schandelah:
An einem Tag im Herbst 1944 erwischte der SS Mann Hennings einen Russen der Abfall von Steckrueben gestohlen hatte. SS Mann Hennings sofort begann den Russen mit Haenden zu schlagen und mit Fuessen zu treten. Dann fand er noch einen Stock und schlug auch damit auf ihn ein. Er blutete vom Gesicht, ich habe den Russen einige Tage später auch noch gesehen und sein Koerper war sehr zerschlagen.
Ungefaehr August 1944 ein Haeftling deutschen Nationalitaet entfloh. Eine Suchaktion an der SS und Haeftlinge teilzunehmen hatten begann sofort. Nachdem die Suchaktion beendet war sind alle mit der Ausnahme des SS Mannes Hamm zurueckgekehrt. Viel spaeter kam Hamm zurueck und sagte, ich habe ihn wieder eingefangen und gleich erschossen. Daraufhin nahm Hamm 2 Haeftlinge mit sich um die Leiche des Erschossenen herbeizuholen, auf dem Wege erzaehlte er die ganze Geschichte wie er den Haeftling erschossen hatte. Er verwundete den Haeftling zuerst, dieser Haeftling bat Hamm ihm das Leben zu lassen, aber Hamm erschoss in kaltbluetig. Spaeter wurde die Leiche ins Lager gebracht auf die Brotkiste gelegt und die Haeftlinge mussten im Kreis um die Leiche gehen. Es wurde deshalb gemacht um ein Exempel zu statuieren im Falle einer von uns fluechten wuerde. Die Leiche hatte 2 Schusswunden, eine in der Gesaessgegend und die andere in der Brust.
Schenawa Paul der Rottenfuehrer war, war einer der brutalsten unter den jungen SS Maennern. Er hatte seinen Spass seinen Hund auf Haeftlinge zu jagen ohne dass er den geringsten Grund hatte. Viele Haeftlinge hatten ihre Fussfesseln von Hunden zerbissen.
Es war entweder September oder Oktober 1944 wenn ein Russischer Gefangener entfloh. Er wurde von Leuten im Dorf verraten. Schenawa und ein anderer SS Mann fuhren in einem Auto das ich fuehrte in das Dorf um den entflohenen Haeftling abzuholen. Die Haende des Russen wurden auf den Ruecken festgebunden, er wurde dann auf ein LKW gesetzt, welcher in der Zwischenzeit auch ankam. Der LKW und der PKW fuhren dann zurueck zum Lager. Im Lager angekommen wurde der Russe von dem LKW runtergestossen und er fiel seitlich zu Boden. Schenawa und ein anderer SS-Mann begannen nun den Haeftling mit den Fuessen zu bearbeiten. Zufolge dieser Misshandlung ist der Russe den Verletzungen erlegen.
Bei einer anderen Gelegenheit hat der Lageraelteste Spinnrad einen Russen aufgefunden, der nicht zu seiner Zufriedenheit arbeitete. Er schlug ihn sofort nieder und begann ihn mit seinen Stiefeln zu treten. Infolge dieser Misshandlung ist der Russe 2 Tage spaeter verstorben. Er wurde in einen Sarg gesteckt und der Deckel war nur leicht zugemacht. Ein anderer Haeftling und ich oeffneten den Sarg und wir stellten fest, dass die Leiche schrecklich zerschlagen war.“

Protokoll des Schandelah-Prozesses, Public Record Office London
Aussage von Georg Walter Adler